Wenn KI das Museumserlebnis erweitert: Innovative Souvenirs im digitalen Zeitalter
Ein interdisziplinäres Team der BFH-Departemente Wirtschaft, Technik und Informatik sowie der Hochschule der Künste Bern erforscht zusammen mit dem Museum für Kommunikation, wie KI-generierte, personalisierte Souvenirs das Besuchserlebnis nachhaltig bereichern können. Die Ergebnisse zeigen vielversprechende Möglichkeiten für die Integration von KI im Museumskontext.
Die Herausforderung: Engagement nach dem Besuch
Museen stehen heute vor der Herausforderung, ihr Publikum über den physischen Besuch hinaus zu erreichen und ein bleibendes Erlebnis zu kreieren. Der tatsächliche Museumsbesuch ist geprägt von vielfältigen, oft inspirierenden und lehrreichen Erlebnissen, während die Erinnerung daran teils schnell verblasst. „Wir haben uns gefragt, ob wir mittels KI ein Erlebnis für die Besuchenden generieren können, das über den physischen Ort hinaus wirkt und ihnen gleichzeitig einen Mehrwert bietet.“, erklärt Die aktuelle Forschungsliteratur bestätigt: Die Phase nach dem Museumsbesuch bietet grosses Potenzial für vertieftes Engagement und nachhaltige Lernerfahrungen (Wang et al., 2024).
Innovative Technologie: Typologien, Besuchendenverhalten und KI
Das Forschungsteam entwickelte einen methodischen Ansatz, der ein traditionelles museologisches Konzept mit KI-Technologie verbindet. Basis ist die Besuchertypologie nach Levasseur und Veron (1983), die vier verschiedene Verhaltensmuster identifiziert:
- Die «Ameise»: Systematische Besucher, die methodisch und gründlich durch die Ausstellung gehen
- Der «Schmetterling»: Intuitive Besucher, die sich von persönlichen Interessen leiten lassen
- Der «Fisch»: Effiziente Besucher, die sich auf Hauptattraktionen konzentrieren
- Die «Heuschrecke»: Selektive Besucher, die gezielt einzelne Exponate auswählen
Ein Geo-Tracking Systems ermöglicht es, das Bewegungsmuster und Verweilzeiten von Museums-Besuchenden exakt zu erfassen und auszuwerten. Basierend auf diesen Daten lassen sich durch den Einsatz von KI neue Typologien identifizieren und beschreiben, welche die Grundlage für die Erstellung eines digitalen Souvenirs darstellen.
Das Souvenir-Konzept: digital und analog, interaktiv und personalisiert
Das entwickelte Souvenir-System besteht aus drei integrierten Komponenten:
- Physische Postkarte: Ein KI-generiertes Design-Element, das die identifizierte Besuchertypologie künstlerisch interpretiert
- Digitale Plattform: Über einen QR-Code zugängliche personalisierte Webseite mit detaillierter Analyse des Besuchsverhaltens und einer dazu abgestimmten Zusammenfassung des eigenen Besuchs der Ausstellung
- Interaktiver Chatbot: Ein KI-gestützter Dialogpartner für vertiefende Fragen zur Ausstellung
Die verschiedenen Zugänge zur interpretativen Zusammenfassung des Besuches adressieren unterschiedliche Bedürfnisse der Besuchenden. Das physische Souvenir dient als emotionaler Anker, während die digitalen Komponenten Vertiefung und Interaktion ermöglichen.
Mensch-zentrierte Technikgestaltung: Eine Prototypen-Studie im Museum für Kommunikation
Zur Evaluation des Design-Konzepts wurde eine Studie mit Besuchenden des Museums für Kommunikation durchgeführt. In dieser wurden 22 Teilnehmenden (Altersspanne 16-75 Jahre) basierend auf ihrem Verhalten in der Ausstellung ‘Dance’ ein Prototyp eines Museums-Souvenirs vorgelegt. Nachdem die Besuchenden mit ‘ihrem’ Souvenir interagieren konnten, wurde ein semi-strukturiertes Interview durchgeführt, in welchem Fragen zum Souvenir aber auch zu Vorbehalten und Sorgen bezüglich der Verwendung von KI-Technologie im Kontext von Museumsbesuchen besprochen wurden.
Erkenntnisse: Personalisierung, Datenschutz und Nutzungsabsicht
Die Pilotstudie lieferte differenzierte Einblicke in die Wirksamkeit des Systems. Besonders aufschlussreich waren die qualitativen Interviews, die vier zentrale Dimensionen der Nutzerwahrnehmung offenbarten:
- Erster Eindruck: Die Wertschätzung des physischen Artefakts zeigte sich besonders deutlich. Die Postkarte wurde als greifbare, bedeutungsvolle Erinnerung an den Museumsbesuch geschätzt. Die Tier-Typologie als Personalisierungsansatz wurde geschätzt, wobei die Akzeptanz von der Identifikation mit dem zugewiesenen Tier abhing. Die von der KI generierten Designs fanden dabei grossen Anklang, wobei viele Teilnehmende den Wunsch äusserten, das Souvenir durch eigene Fotografien oder persönliche Notizen noch individueller gestalten zu können.
- Inhalt und Relevanz: Es zeigte sich ein klarer Wunsch nach tiefergehender Personalisierung, da die bestehenden Beschreibungen als zu allgemein empfunden wurden. Besonders interessant war der Wunsch nach vergleichenden Elementen – die Besuchenden wollten ihr Verhalten im Verhältnis zu anderen einordnen können.
- Akzeptanz von KI und Datenschutz: Die Akzeptanz von KI und Datenschutz im Museumskontext war bemerkenswert hoch. Die Bewegungserfassung während des Besuchs wurde als unproblematisch empfunden. Während jüngere Besuchende die KI-Integration als selbstverständlich betrachteten, zeigten ältere Teilnehmende mehr Skepsis. Durchgängig wurde die Transparenz bei der Datennutzung als wichtig bezeichnet.
- Nutzungsabsicht und Entwicklungswünsche: Es zeigte sich eine hohe Bereitschaft, das Souvenir mit anderen zu teilen, besonders nach gemeinsamen Besuchen. Gewünscht wurden mehr multimediale Ergänzungen wie Playlists oder Tanz-Tutorials. Die Meinungen zur Nachfolge-Kommunikation waren geteilt, während praktische Wünsche wie E-Mail-Versand der digitalen Version oder Integration eigener Fotos häufig genannt wurden.
Ausblick und nächste Schritte
Ein Erfolgsfaktor war die Zusammenarbeit interdisziplinärer Forschenden der Departemente Wirtschaft, Technik und Informatik und HKB sowie ein sehr regelmässiger und enger Austausch mit den Expert:innen des Museums für Kommunikation. Forschungsteam plant nun die Entwicklung eines verfeinerten KI-Modells, das noch präziser auf individuelle Besuchermuster reagieren kann. Die Pilotstudie hat gezeigt, dass der Ansatz eines Post-Erlebnisses in Form eines Souvenirs viel versprechend ist. Aufgrund der Aussagen stellt sich aber die Frage, ob dazu tatsächlich eine KI benötigt wird oder ob ein solches Erlebnis nicht auch mit viel weniger energie- und ressourcenintensiven Mittel zu erreichen ist.
Quellen
Levasseur, M., & Veron, E. (1983). Ethnographie d’une exposition (p. 29). https://shs.hal.science/halshs-01484185
Wang, A., Song, X., & Lucero, A. (2024). Linger: Extending Museum Experiences to Post-Visit Phases. Adjunct Proceedings of the 2024 Nordic Conference on Human-Computer Interaction, 1‑5. https://doi.org/10.1145/3677045.3685436
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